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Mittelalter Topliste
Mittelaltermagazin Topliste
Sonderausgabe Mai 2012 - Teil 4: Wanderschäferei, Waldweiden und historische Viehhaltung

Sonderausgabe Webzeitung - Webmagazin - Mittelaltermagazin für Freunde des Mittelalters Mai 2012


 

 

Astrid Rauner
 
Vierter Teil - Das ganze Land ist eine Weide:
Wanderschäferei, Waldweiden und historische Viehhaltung

 
Viehhaltung ist heute eine Frage von Mastleistung, Umweltvorschriften, Milchpreisen oder Marketing. Aber davon abgesehen erscheint ein solches Thema dem Ottonormalverbraucher genauso alltäglich wie unscheinbar. Wie sehr das Zusammenleben und die Nutzung von Haustieren jedoch unsere Landschaft und das Leben unserer Vorfahren geprägt hat, ist im vergangenen Jahrhundert leider stark in Vergessenheit geraten – dabei erhalten sich Weidenutzungssysteme, die auf diese Weise schon im Mittelalter durchgeführt wurden, selbst in Deutschland bis heute.
 
Nachzucht eines mittelalterlichen Weideschweins Begonnen werden muss jedoch wieder in der Jungsteinzeit. Mit der neolithischen Revolution, die die Landwirtschaft in Europa etablierte, und auch Nutztiere einführte, die dort bald zum Alltag gehörten. Die Ziege z.B. fand ihren Weg vermutlich während den Einwanderungsströmen der Bandkeramiker in Mitteleuropa ein neues Zuhause und erweiterte das Haustier-Artenspektrum, das sich ansonsten aus Rind, Schwein, Hund und Schaf zusammensetzte. Bereits in der Bronzezeit sind Spezialisierungen bestimmter Regionen im heutigen Deutschland zu erkennen, die die eine oder andere Nutztierart präferierten. Während in Norddeutschland die Rinderzucht gepflegt wurde, hatte das Schwein im Süden den Vorrang und kleinere Weidetiere, wie Schafe, einen deutlichen Vorteil in den Mittelgebirgen.
Neu seit der Bronzezeit war die Domestizierung des Pferdes bekannt, während das Huhn erst seit der frühen Eisenzeit bzw. späten Bronzezeit vor allem zur Fleischgewinnung gehalten wurde. Im Vergleich zu heute unterschieden sich diese Tiere durch Erscheinungsbild und vor allem die Körpergröße teils erheblich von dem bekannten Zuchtvieh. Insgesamt waren sie kleiner, was durch das im Vergleich zu heute eher karge Futter kaum verwunderlich gewesen ist. Ein Schwein beispielsweise ähnelte optisch eher den heutigen Wildschweinen, während es zum Teil kaum größer als ein Hund wurde – geschweige denn die Mastleistung moderner Rassen erreichte.
Da Stallhaltung mit dem Beginn der Eisenzeit noch eine niedrigere Priorität annahm, suchten die Tiere sich ihr Futter selbst in der Natur. In Ermangelung großer offener Wiesen, dienten Flussauen und die Säume von Bachläufen mit hochwüchsigen Kräutern und zugleich gut erreichbaren Tränken als Weiden. Viel bedeutender für die Ernährung der Nutztiere jedoch war der Wald. Die kleineren, genügsamen Haustiere der Vorgeschichte gaben sich bereits mit der Krautschicht und jungen Gehölzen zufrieden, solange der Wald licht genug war, dass diese sich entsprechend entwickeln konnten. Dieser Zustand war am Anfang nur in Siedlungsnähe der Fall. Durch den Verbiss der Tiere war eine Verjüngung des Waldes nicht mehr möglich – das heißt, starb ein Baum ab, fraßen die Tiere die Keimlinge und kleinen Bäume, sodass die Lücke im Blätterdach nicht mehr geschlossen werden konnte. Auf diese Weise lichteten sich die Wälder an den Weideplätzen auf. Die Bäume entwickelten weit nach unten reichende Äste, wobei die meisten von ihnen mit einer „Fraßkante“ endeten. Weniger schmackhafte Arten, wie der stachelige Wacholder, wurden gänzlich verschmäht und konnten sich auf der Fläche ausbreiten.
 
Wacholderheide Auf diese Weise schufen die Tiere typische Landschaftselemente, die Jahrhunderte überdauerten bzw. sich an anderer Stelle neu ausbildeten. Das berühmteste Beispiel ist vermutlich die Lüneburger Heide, deren Bild maßgeblich von der Weidehaltung geprägt ist. Die unterschiedlichen „Geschmäcker“ des Weideviehs bedingten je nach Tierart eine andere Gestaltung der Fläche. Ziegen beispielsweise ringeln die Rinde vom Stamm der Bäume und sorgen schnell dafür, dass Gehölze auf den Flächen absterben. Sogar Schweine wurden weit bis in die Neuzeit in die Wälder zur Eichelmast getrieben, was auch einer der Gründe ist, warum diese Baumart, die mit verschiedenen heidnischen Göttern in Verbindung gebracht wird, gerne in Siedlungsnähe gesehen wurde, bzw. Siedlungen in ihrer Nähe angelegt wurden. Es entwickelten sich Weideschweinarten, die die heutigen Rassen an Robustheit weit übertreffen.
 
Weidegründe in der unmittelbaren Nähe der Siedlungen genügten aber bald nicht mehr, um das Vieh der stetig wachsenden Bevölkerung zu ernähren. Seit der Kupferzeit, der Übergangszeit zwischen Jungstein- und Bronzezeit, ist nachzuweisen, dass zwischen Sommer- und Winterweiden unterschieden wurde. Die älteste Form dieser Weidewirtschaft findet sich auf den Almen der Alpen. Die Bewohner der seit dem Neolithikum besiedelten Tallangen entdeckten schnell die Vorzüge der fruchtbaren Wiesen oberhalb der Baumgrenze. Es war die Zeit, in welcher sich die Wollrassen unter den Schafen etablierten, die zum Scheren und Wollespinnen genutzt werden konnten. Die Bauern, die ihr Vieh im Sommer in die Höhenlagen trieben, veränderten unbewusst deren Erscheinungsbild. Weidetiere verschmähen bitterschmeckende oder giftige Pflanzen – wozu viele der in Deutschland heute gefährdeten Orchideenarten zählen. Da die Tiere, wie bereits erwähnt, auch Gehölze an Waldrändern verbissen, wurde die Baumgrenze in den Alpen nach unten versetzt. Erst im Winter, nach Einsetzen des Schneefalls, wechselten die Herden zurück auf die Weiden in Tallagen, wo länger Futter verfügbar war.
Dieser weiträumige Wechsel von Winter- und Sommerweiden wird in der Wissenschaft als „Transhumanz-System“ beschrieben. Eine derartige Praxis erhielt sich im heutigen Mitteleuropa von der Bronzezeit bis in die Neuzeit – und selbst in prähistorischer Zeit, reichten die Wanderungen, die Hirten mit ihren Tieren unternahmen, vermutlich über mehrere hundert Kilometer. In ihrem Fell trugen die Tiere, insbesondere die Schafe, Pflanzensamen mit sich und verbreiteten gleichzeitig florale Arten über das ganze Land.
In der Eisenzeit, als die Viehhaltung einen deutlichen Aufschwung erlebte, gewann zusätzlich dazu jedoch auch die Stallhaltung neue Bedeutung. Die Stämme Mitteleuropas hatten für sich den mediterranen Handelsmarkt entdeckt, in dem die Nachfrage nach Fellen und Stoffen anstieg. Stroh konnte als Stalleinstreu genutzt werden, während Mist als Dünger dient. Die Erträge, die eisenzeitliche – und selbst später auch mittelalterliche – Äcker lieferten, reichten jedoch nicht aus, um die Tiere lange im Stall zu behalten, wo neu eingestreut und dazu gefüttert werden musste. So früh es ging, wurden Tiere wieder auf die Außenweiden gelassen – teilweise bereits im Februar, nachdem die Schneeschmelze eingesetzt hatte. Die Viehzucht gewann dort an Bedeutung, wo die Böden Ackerbau nur eingeschränkt zuließen. Die Germanen hielten ihre Tiere in offenen Stallungen, die direkt an den Wohnbereich der Menschen anschlossen. Bereits ihre Vorfahren in der Bronzezeit errichteten Langhäuser mit Ställen, die zwei Dutzend Rinder aufnehmen konnten. In ihren Siedlungsgebieten, die zum Teil wenig fruchtbare Sandböden aufwiesen, zeigte sich die Viehhaltung fast bedeutender als der Ackerbau.
 
Wacholderheide Bereits zur Eisenzeit hatte Weide- und Viehhaltung das Landschaftsbild maßgeblich geprägt, doch im Mittelalter spezialisierten sich mit zunehmender Stallhaltung die Methoden der Viehzüchter. Je unfruchtbarer und karger die Regionen nämlich waren, desto stärker mussten die Menschen – bis in die Neuzeit hinein – auf Alternativen zurückgreifen. Junge Blätter und Äste wurden als Viehfutter geschnitten. Diese „Schneitelbäume“ wuchsen zu einer typischen, kopfartigen Form heran, wie man sie von Kopfweiden kennt. Bis ins letzte Jahrhundert hinein, wurde diese Technik praktiziert, sodass manche dieser Bäume heute noch stehen und von Landschaftspflegern in ihrer Form erhalten werden. In Norddeutschland stach man im Mittelalter Heidekrautsoden, um sie als Einstreu in die Stallungen zu bringen. Mit Dung angereichert wurden sie später als Dünger auf die Äcker gebracht und zeigten dort, durch Jahrhunderte lange Praktizierung dieser „Plaggenwirtschaft“ gewaltige Wirkung: Kaum fruchtbare Sandböden reicherten sich mit Humus an. Die typischen Plaggeneschböden des Nordens zählen heute zu den besten Ackerbaustandorten dieser Regionen – und ihre Fruchtbarkeit ist allein auf menschlichen Einfluss und seine Viehwirtschaft zurückzuführen.
Die Bevölkerungszunahme und ausgeweitete Handelsbeziehungen im Mittelalter forderten erste Regelungen und Gesetze für die Hirten, die ihre Tiere nahezu überall außerhalb der Siedlungen weiden ließen. Ackerbrachen, aber auch abgeerntete Äcker wurden gern dafür genutzt, da der zurückbleibende Tierkot als Dünger wirkte. Der Handel von Fleisch dehnte sich ebenfalls über Landesgrenzen aus. Mangels vernünftiger Konservierungsmittel musste dieses jedoch lebendig an seinen Bestimmungsort getrieben werden. Wir wissen von Viehtrieben aus Ungarn, die bis nach Regensburg, Nürnberg und Westdeutschland reichten. Die Hirten folgten sogenannten „Triftwegen“, die sich noch heute in der Landschaft wiederfinden lassen. Oft sind es breite Erdwege, von Bäumen oder niedrigen Erderhebungen eingesäumt, die die Tiere bei der Herde hielten.
Diese historischen Systeme wurden noch bis weit in die jüngere Vergangenheit praktiziert, bevor sich die moderne Landwirtschaft durchsetzte. In der Schwäbischen Alb folgte die Agrarwirtschaft teilweise noch bis zum zweiten Weltkrieg mittelalterlichen Rhythmen. In anderen Teilen Europas, wie der Extremadura in Spanien oder dem Kaukasus, ist die offene Weidehaltung in Wäldern oder Transhumanz noch alltäglich, während in Deutschland historische Weideflächen oft nur noch Relikte aus der Vergangenheit sind. In den Mittelgebirgsregionen wie der Rhön oder dem Lahn-Dill-Bergland in Hessen finden wir sie noch, die dorfnahen Weideplätze an den Hängen, wo sich Wacholder oder andere Sträucher wie Rosen und Schlehen ausgebreitet haben und die Vegetation am Boden von seltener Vegetation bestimmt wird. Diese Flächen stehen heute meist ausnahmslos unter Naturschutz, sind isoliert und können nur mit Landschaftspflegeplänen erhalten werden, da die eigentliche Bewirtschaftung längst nicht mehr lohnt. Dafür aber ist in diesen Regionen noch ein Stück Vergangenheit in der Landschaft konserviert – und die Wissenschaft hat erwiesen, dass gerade der Artenvielfalt eine Wiedereinführung alter Weidesysteme gut tun würde. Bis jetzt scheitern solche Vorhaben jedoch meist an Infrastruktur, vor allem aber am Geld.
 
Zum Weiterlesen:
Hansjörg Küster: „Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa“ – 4.Auflage, C.H.Beck-Verlag München
 
Das Copyright für den Text und die Bilder liegt bei der Autorin Astrid Rauner.
Zur Website der Autorin: astrid-rauner.de
 
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