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Mittelalter Topliste
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Sonderausgabe Mai 2012 - Teil 2: Siedlungsbau und seine Spuren

Sonderausgabe Webzeitung - Webmagazin - Mittelaltermagazin für Freunde des Mittelalters Mai 2012


 

 

Astrid Rauner
 
Zweiter Teil:
Der richtige Platz:
Siedlungsbau und seine Spuren
 
 
Wer heute nach menschlichen Siedlungen sucht, erleidet im Deutschland der Neuzeit beinahe eine Reizüberflutung. Man muss sich schon tief in die Gebirge hineinwagen, um vom Menschen mehr oder weniger unberührte – oder eher weniger intensiv beeinflusste – Landschaften vorzufinden. Und diese Unabhängigkeit von natürlichen Begebenheiten verdanken wir lediglich dem Fortschreiten der Technik und unseren infrastrukturellen Möglichkeiten, frische Nahrung über weite Strecke hinweg zu transportieren und sie lange einzulagern.
 
Der richtige Platz Blicken wir stattdessen in der Menschheitsgeschichte 10 000 Jahre zurück, sind die ersten Siedlungen sesshafter Ackerbauern in Deutschland an zwei Faktoren gekoppelt: Das Vorkommen von Wasser und geeigneten Ackerstandorten. In dieser Hinsicht spielt wieder ein eiszeitliches Sediment eine wichtige Rolle, das über Epochen hinweg vom Wind angetragen und sehr fruchtbare Böden gebildet hat. Löß-Standorte bedecken etwa gut 10% der Landoberfläche unseres Planeten, finden sich jedoch vor allem in der gemäßigten Klimazone. Im Norden Deutschlands als „Börden“ bekannt, sind Löß-Böden weiter südlich im hessischen Taunus-Vorland, der Wetterau, dem Rheingau oder rund um den Kaiserstuhl in Baden-Württemberg verbreitet und gehen auch gleichzeitig mit uralten Siedlungsräumen einher.
Die Dörfer der Jungsteinzeit haben in ihrer Lage noch Ähnlichkeit mit heutigen Weilern oder alten Ortskernen, die an unteren Hängen in Gewässernähe errichtet waren. Das Material zum Bau der Häuser war im Überfluss vorhanden. Innerhalb eines geschlossenen, natürlichen Waldes, wie er in der Vorzeit Deutschland fast komplett überzog, wachsen die Bäume ohne viele Seitentriebe gerade noch oben und bilden dort erst ihr Blätterdach aus. Ursache dafür ist die Konkurrenz der Gehölze um das Licht, das in den unteren Schichten des Waldes rar wird, aber Hauptantrieb ihres Stoffwechsels ist. Lehm, um die Wände rund um das Holzbalkengerüst zu verputzen, war um die Gewässer abgelagert. In gut einem Kilometer Radius lichteten die Ackerbauern vermutlich den Wald auf, um rund um ihre Dörfer in Hausnähe kleine Ackerparzellen anzulegen, während das Vieh im Wald oder den sich bildenden nassen Wiesen weidete. Auf diese Weise entstanden im Umkreis der Dörfer Waldränder, von welchen aus die Gehölze immer zum Dorf zurückdrängten, sobald die Nutzung reduziert oder aufgegeben wurde. Dies geschah vermutlich in einem Rhythmus von wenigen Jahrhunderten bis Jahrzehnten, nach welchen die Siedler ihre Dörfer verließen, um im nahen Umkreis neue Häuser zu bauen und Äcker anzulegen.
 
Der richtige Platz Welche Gründe dafür von Bedeutung gewesen sein können, wird heute nur spekuliert. Vermutlich spielte der wachsende Schädlingsdruck auf den Äckern eine bedeutende Rolle. Jedoch muss ebenfalls bedacht werden, dass Häuser der damaligen Zeit nach wenigen Jahren immer wieder neu errichtet werden mussten. Die nötigen, gerade gewachsenen Stämme fanden sich dafür nur tief im Wald. In Waldrandlagen nämlich verändern Bäume durch den geänderten Lichteinfall ihren Wuchs. Zusätzlicher Verbiss von Weidetieren sorgt letztendlich für das typisch knorrige Aussehen alter Bäume, das wir heute mit Natürlich- und Ursprünglichkeit verbinden, aber gerade sehr stark vom Menschen beeinflusst ist.
In diesem Siedlungsrhythmus lebten die Menschen in Deutschland über Jahrtausende, während ihre Umwelt sich um sie langsam veränderte. Die Etablierung der Buche in unseren Wäldern förderte den Siegeszug von Werkzeugen aus Metall durch ihren mächtigen Wuchs, während die zunehmenden, vom Menschen gemachten Freiflächen Hochwasserereignisse in Flussnähe förderten. Aus diesem Grund werden in der Kupferzeit, dem ersten Metallzeitalter, das gut 4000 v.Chr. begann und auch die Epoche darstellte, in welcher der berühmte Ötzi lebte, die ersten „Höhensiedlungen“ errichtet. Dieser Siedlungstyp etabliert sich während der Bronzezeit und bildete spätestens mit den Kelten Zentralorte heraus, die entweder an Knotenpunkten von Infrastruktur errichtet waren oder eben diese selbst prägten.
Zu allen Zeiten waren sie jedoch von ihrer Anbindung an Wasser und umliegenden Ackerbau abhängig. Da mit den Metallzeitaltern und fortgeschrittener Waffentechnik gewalttätige Auseinandersetzungen zunahmen, galt es, die lebenserhaltenden Ressourcen mit Wallanlagen zu schützen, die in ihrer einfachsten Form aus einem mit Erde ausgefüllten und umfassten Holzgerüst bestanden und noch mit Palisaden oder ähnlichen Wehreinrichtungen befestigt werden konnten. In den meisten Fällen hatten die Höhensiedlungen der Eisenzeit eigene Wasserstellen, wie Quellen, in ihren Wehranlagen eingefasst, die zum Teil, wie beispielsweise auf dem Glauberg in Hessen, sogar in einem großen Reservoir mit eigenem Wall befestigt wurden.
 
Höhensiedlungen wie der Dünsberg bei Gießen oder die Milseburg in der hessischen Rhön haben ihre Verteidigungsanlagen auf natürlich schwer zugänglichem natürlichem Relief errichtet, wie leicht zu verteidigenden Steilhängen auf einer Hügelseite oder, im Fall der Milseburg, sogar Bereiche mit Blockschutt, die kaum zu begehen, geschweige denn mit einer Armee zu erstürmen sind. Auf dem Glauberg nutzte man für die Siedlung sein abgeflachtes Plateau auf dem Hügelrücken, das mit steiler Hangneigung über mehrere Meter zum eigentlich gut begeh- und befahrbaren Hügel abfällt.
Während auf dem Glauberg die direkt angrenzenden, weniger steil gelegenen Hügelhänge für Ackerbau genutzt werden konnten, jedoch von keinem Wall geschützt wurden, sind auf dem Dünsberg und der Milseburg kurz vor der Hügelkuppe am Hang sogar Ackerterrassen aus keltischer Zeit innerhalb der Befestigungsanlage errichtet, bevor die Hügelkuppe mit einem separaten Wall noch einmal gesondert abgegrenzt wird - der Platz, wo die keltische Elite ihre Häuser erbaut haben – oder auch, wie bei der Milseburg vermutet wird - ein Heiligtum gestanden haben könnte.
Grundsätzlich weisen alle Höhensiedlungen der keltischen Zeit schwere Befestigungsanlagen auf, die auch aus einem mit Lehm und Steinen verfüllten Pfostengerüst und darauf errichtetem Wehrgang bestanden haben können und natürlichen, vorteilhaften Geländemarken folgen. Mehrere Tore in diesen Anlagen differenzieren die Siedlung - möglicherweise nach Bevölkerungsschichten? Die Wasserversorgung innerhalb der Wälle oder Mauern ist durch natürliche Quellaustritte und ähnlichem praktisch immer gesichert. Die Hügelkuppe ist sehr häufig separat abgegrenzt. Nach diesem Muster angelegt, finden sich zahlreiche Höhenbefestigungen in Süd-, West- und Mitteldeutschland, die im Laufe der keltischen Epoche stadtartige Züge entwickeln konnten und ihre Verteidigungsanlagen zum Teil sogar nach griechischem Vorbild errichteten. In der Archäologie werden sie als sogenannte „Oppida“ („Oppidum“ im Singular) bezeichnet, in welchen die keltische Führungselite residierte und Handelswege, Bodenschätze und/oder fruchtbare Ackerbauregionen beherrschten.
Diese Siedlungen sind es, aus welchen heute die meisten Funde geborgen werden. Die Erd- oder Erd-Steinwälle umgrenzen die Anhöhen heute noch in teils mächtiger Größe. Auf dem Dünsberg zum Beispiel sind sogar noch die Plätze der Tore erhalten worden, während man auf der Milseburg mit viel Fantasie die Ackerterrassen lokalisieren kann. Verwechselt werden darf eine Wallanlage dabei jedoch nicht mit Bodenwellen, die sich in den vergangenen Jahrhunderten durch Ackerbau an Hügelhängen gebildet haben, sogenannten Streifenfluren. Das Pflügen parallel zum Hang erodiert den Standort und hat dort die Oberfläche verändert, sodass man sie als Laie für die Reste prähistorischer Verteidigungsanlagen halten könnte.
 
Viel schwerer zu lokalisieren sind jedoch die kleinen Weiler und Bauerngehöfte, von welchen große keltische Siedlungen umgeben waren. Da die Kelten zum Hausbau keinen Stein verwendeten, findet man bestenfalls Hausfundamente im Boden, sofern die Fundstellen nicht bereits überbaut oder durch Ackerbau planiert worden sind. Die aussagekräftigsten Anhaltspunkte für die Größe und den Alltag der die Oppida umgebenden Dörfer sind Abfallgruben, die teilweise zu dutzenden ausgegraben werden können und immerhin die Überreste von Alltagsgegenständen ans Tageslicht bringen. Auffallend ist hier, dass selbst kleine Dörfer in den alten Ackerbauregionen keltische, bronzezeitliche oder sogar steinzeitliche Siedlungsspuren zeigen und die Löß-Standorte, wie in der Wetterau, in der Eisenzeit bereits vergleichsweise dicht besiedelt waren.
 
Ebenfalls erhalten und heute deutlich einfacher im Gelände zu erkennen sind – sofern sie nicht ebenfalls durch Ackernutzung verschwunden sind – Grabhügel aus der Bronze- und Eisenzeit, die außerhalb der großen Siedlungen lagen, aber immer in deren Nähe. Zum Teil sind sie noch heute mehrere Meter hoch, entweder in Sichtweite der ursprünglichen Ansiedlung gelegen oder an markanten Geländepunkten wie Höhenrücken, und häufig nicht einmal ausgegraben. Sich selbst jedoch auf Schatzsuche zu begeben, sei dringend abgeraten. Nicht nur, da dies strafbar ist, sondern auch auf Grund der Wahrscheinlichkeit, mehr wichtige Funde zu zerstören, als wirklich wertvolle Gegenstände zu finden.
In diesem Muster erfolgte eine langsame Besiedlung Süd-, West- und Mitteldeutschlands, deren Urbanisierungsprozesse bereits vor den Römern dichte Handelsnetze ausbildete und eine für die damalige Zeit hohe Bevölkerungsdichte erlaubte. Weiter im Norden war jedoch eine deutliche Abnahme dieser Prozesse zu beobachten. Im Gegensatz zu den Kelten ist eine Stadtentwicklung bei den Germanen im Ausmaß von Fundorten wie dem Glauberg, der Heuneburg in Baden-Württemberg, oder Manching in Bayern nicht zu beobachten gewesen. Außerhalb der Bördenlandschaften erschwerten gerade in Küstennähe schlechte Böden den Ackerbau sehr und erhielten auf Dauer eher kleine, zerstreute Siedlungen.
 
Ob jedoch der Norden oder Süden Deutschlands betrachtet wird, wohlhabende Städte oder ärmliche Bauernsiedlungen, in der Geschichte ist für Kelten ebenso wie Germanen verzeichnet, das große Völkerwanderungen die Stämme in andere Teile Deutschlands oder Europas getrieben haben. Spätestens mit den Römern wurden alte Machtzentren jenseits Magna Germanias in das neue Verwaltungsnetz des Imperiums eingegliedert oder erobert. Zu diesem Zeitpunkt waren manche der großen Keltenstädte jedoch längst verlassen. Brandspuren noch aus keltischer Zeit, wie z.B. auf der Heuneburg, markieren das Ende großer, lokaler Blütezeiten, nach welcher neue Siedlungsorte erschlossen wurden und die alten Plätze zum Teil erst während oder nach der Völkerwanderungszeit im Frühmittelalter neue Bedeutung erlangten. Überblick man aber das Fundspektrum Deutschlands fällt auf, dass es immer die gleichen Faktoren sind, die Menschen an einem Ort halten: Bodenfruchtbarkeit, Wasser und / oder mildes Klima. Kombiniert mit gut zu verteidigenden Lokalitäten und der Anbindung an weitläufige Infrastruktur entwickeln sich seit der Vorgeschichte Siedlungen, die sich zum Teil bis in die Neuzeit erhalten haben.
 
Zum Weiterlesen:
Hansjörg Küster: „Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa“ – 4.Auflage, C.H.Beck-Verlag München
 
Das Copyright für den Text und die Bilder liegt bei der Autorin Astrid Rauner.
Zur Website der Autorin: astrid-rauner.de
 
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